Jørgen Nordhagen gilt als eines der spannendsten Multitalente des norwegischen Sports. Bevor er sich vollständig dem Radsport verschrieb, war er als Skilangläufer aktiv und sammelte dort nicht nur Erfolge, sondern auch wichtige Grundlagen in Ausdauer und Kraft.
Nordhagen wurde Junioren-Weltmeister im Skilanglauf
Quereinsteiger gibt es im Straßenradsport mittlerweile einige. Viele davon kommen aus dem Wintersport. Primoz Roglic war der erste Weltklasse-Radprofi, der zuvor sein Geld mit Skispringen verdient hat. Aus deutscher Sicht fällt uns natürlich Florian Lipowitz ein, der vom Biathlon zum Radsport wechselte. Und nun haben wir auch einen norwegischen Langläufer im Peloton. Allerdings hat der seine Wintersport-Karriere schon beendet, als sie gerade erst anfing erfolgreich zu werden. Denn Jørgen Nordhagen krönte sich 2024 in Planica zum Junioren-Weltmeister im Skilanglauf. Doch er wechselte nicht erst danach aufs Rennrad, sondern war schon zuvor als vielversprechendes Talent bekannt. 2022 noch für den Club Team NTG/Uno-X aktiv – fuhr er sich bei einigen Junioren-Rennen ins Rampenlicht der Scouts. Noch im Oktober sicherte sich Visma | Lease a Bike die Dienste des damals noch 17-Jährigen für die Saison zwei Jahre später. Nach einem Jahr im Development-Team, stieg er schnell zu den Profis auf.
Immer wieder ausgebremst durch Krankheiten
Viele Experten erwarteten, dass Jørgen Nordhagen sofort einschlägt wie eine Bombe. Doch der ganz große Durchbruch blieb aus. Seine starken Auftritte auf Profi-Ebene können an einer Hand abgezählt werden. Bei der Tour de Romandie und der Tour of Guangxi blitzte sein Können auf, nachdem er zuvor bei der Deutschland Tour die Bergwertung gewann. Siege feierte er keine. Sicher war er hin und wieder auch als Helfer aktiv, aber dennoch müssen seine bisherigen Resultate – trotz seines Alters – als enttäuschend angesehen werden. Ein Grund für seine Stagnation könnten seine immer wiederkehrenden Krankheiten bzw. Erkältungen sein. In den vergangenen Monaten musste er bei diversen Rennen mehrfach seinen Start kurzfristig absagen. Wegen einer Erkrankung mit Fieber musste er seinen Saisonstart 2025 verschieben. Er erholte sich nur langsam.
Wenig Punch, aber stark im Hochgebirge und im Zeitfahren
War Jørgen Nordhagen gesund und bekam seine Freiheiten, hat er seine Qualitäten gezeigt. Schon zu seiner Junioren-Zeit war klar ersichtlich, dass er über eine enorme Ausdauer verfügt. Diese gibt ihm eine gute Grundlage mit auf den Weg. Sehen können wir diese vor allem im Zeitfahren und im Hochgebirge. Während ihm die Explosivität – wie sie beispielsweise ein Jarno Widar hat – für kurze, giftige Anstiege fehlt, wird er umso besser, je länger der Berg ist. Er muss allerdings noch lernen, wie man sich in einem großen, hektischen Hauptfeld bewegt, wie man sicher ans Ziel kommt und sich vor entscheidenden Rennabschnitten in eine gute Position bringt. Spätestens bei der Vuelta a Espana 2026 werden wir sehen, ob er seine Schwächen ausmerzen konnte und ob er über einen so langen Zeitraum gesund und fit bleiben kann.
Prognose: Nordhagen hat das Zeug zum Grand-Tour-Sieger
Obwohl wir Jørgen Nordhagen schon seit mindestens drei Jahren als großes Talent auf dem Zettel haben, ist der Norweger erst 21 Jahre alt. Er bringt mit seiner Lungenkapazität, seiner schier unerschöpflichen Ausdauer und seinem Körpermaß von 1,77 m alle Voraussetzungen für einen erfolgreichen GC-Fahrer mit. Dass Jorgen Nordhagen das Talent zu einem Grand-Tour-Sieger hat, bezweifelt niemand, denn im Team Visma | Lease a Bike ist er bestens aufgehoben. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis wir ihn bei bedeutenden Rennen zu den Topfavoriten zählen müssen. Doch bis es soweit ist, muss er sich um seine Gesundheit kümmern. All das Talent und die guten Zahlen auf dem Rad sind wertlos, wenn der Körper streikt. Wir wissen nicht, warum Nordhagen immer wieder gesundheitliche Probleme hat. Wir wissen nur, dass er sie hat. Will er ein ernstzunehmender Grand-Tour-Kapitän werden, muss er stabiler und robuster werden. Dann steht einer erfolgreichen Karriere nichts im Wege.
-> Talent: Héctor Álvarez
-> Talent: Jarno Widar


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