Wieso wird die Tour de France immer schneller? Jahr für Jahr werden bei der Frankreich-Rundfahrt Rekorde gebrochen. Und auch die Zahlen anderer Rennen beweisen: Die Radprofis werden immer schneller. Woran liegt das, wenn die Fahrer dem Doping doch angeblich abgeschworen haben?
Wieso wird die Tour de France immer schneller? 42,849 km/h im Jahr 2025!
Letzten Juli war es soweit: Der Rekord der Durchschnittsgeschwindigkeit wurde wieder gebrochen. Mit satten 42,849 km/h hat Sieger Tadej Pogacar drei Wochen Tour de France absolviert. Absolut irre! Die Tabelle zeigt, dass viele Austragungen der vergangenen Jahre unter den Top Ten der schnellster Frankreich-Rundfahrten stehen. Ein Blick auf andere Rennen beweist, dass die Radprofis insgesamt immer schneller werden – und zwar deutlich. Auch bei Eintagesrennen werden die Durchschnittsgeschwindigkeiten immer höher.
| Die schnellsten Austragungen der Tour de France Geschichte | ||
|---|---|---|
| Platz | Jahr | ⌀ km/h |
| 1 | 2025 | 42,849 |
| 2 | 2022 | 42,102 |
| 3 | 2024 | 41,808 |
| 4 | 1995 | 41,539 |
| 5 | 1998 | 41,512 |
| 6 | 2023 | 41,413 |
| 7 | 2005 | 41,159 |
| 8 | 2021 | 41,158 |
| 9 | 2017 | 41,018 |
| 10 | 2003 | 40,940 |
Es gibt gute Gründe für immer schneller werdende Radprofis
Viele Kritiker werfen dem Profiradsport noch immer vor, ein Doping-Problem zu haben. Da sind solche Zahlen für sie gefundenes Futter. Aussagen wie „Wenn sie jetzt schneller fahren, als in den nachgewiesenen Doping-Jahren, dann werden sie jetzt wohl auch gedopt sein“ sind keine Seltenheit. Doch es gibt gute Gründe, warum die Radprofis bei nahezu allen Rennen immer schneller werden.
1) Aerodynamik als Wissenschaft: Das Material wurde stark verbessert
Als Greg LeMond im Zeitfahren auf der letzten Etappe der Tour de France 1989 doch noch an Laurent Fignon vorbeizog, brach es den Franzosen das Herz. Doch es brach auch eine neue Zeitwende an. Denn LeMond gelang diese Überraschung nur, weil er im Kampf gegen die Uhr auf einen speziellen Lenkeraufsatz und einen aerodynamischen Helm setzte. Es war der Anfang des aerodynamischen Wettrüstens. Das Material hat sich aber vor allem in den letzten 20 Jahren massiv weiterentwickelt. Die Profis sparen über lange Distanzen enorme Wattzahlen.

2) Bikefitting: An der Sitzposition wird gearbeitet
Auch die Position auf dem Rad ist heute viel aerodynamischer abgestimmt. Windkanaltests und CFD-Simulationen gehören zum Standard. Teams wie etwa Team Visma | Lease a Bike oder das UAE Team Emirates – XRG investieren jedes Jahr Millionen in Aerodynamik. Selbst kleine Verbesserungen (z. B. 5-10 Watt Ersparnis) summieren sich über mehrere Stunden und vor allem im Laufe einer ganzen Saison enorm. Der Luftwiderstand macht bei 45 km/h über 80 % des Widerstands aus. Kleine Verbesserungen bringen große Effekte. Selbst Hobbyradfahrer unterziehen sich heutzutage einem Bikefitting, um alles perfekt auf ihren Körperbau abzustimmen. Noch vor rund 30 Jahren gab es eine solche professionelle Herangehensweise im Profiradsport nicht.
3) Mehr Intervalle statt Dauer-Ausfahrten: Es wird viel besser trainiert
Ex-Profis, die heute Sportliche Leiter sind, bestätigen es in Interviews immer wieder: heutzutage wird ganz anders trainiert. Während früher das Motto war „je länger wir fahren, desto besser werden wir“, so gilt heute fast das Gegenteil. Viele Intervalle werden ins Training eingebunden. Oft wird nur zwei Stunden lang trainiert. Mit ausschlaggebend für diese Erkenntnis sind die Profis vom Cyclocross. Hier hat man festgestellt, dass die Rennen viel kürzer sind, die Fahrer auch entsprechend kürzere Trainingszeiten haben – und trotzdem bei langen Straßenrennen mithalten können. Rückblickend kann man sagen, dass früher viele Stunden trainiert wurden, ohne einen positiven Effekt zu haben. Heute wird effektiv trainiert.
4) Die Fahrer ernähren sich bewusster – und haben einen eigenen Koch
Den vielleicht größten Wandel hat der Radsport – und vermutlich jeder Profisport – in puncto Ernährung gemacht. Die Sporternährung hat sich revolutioniert. Früher galten 60-70 g Kohlenhydrate pro Stunde als viel – heute nehmen Profis 100-120 g pro Stunde auf. Vergleichen wir das Frühstück und das Abendessen der Profis von heute mit deren Speisekarte von vor 20 Jahren, kommt man aus dem Staunen kaum mehr raus. Während früher eine Flasche Wein beim Abendessen und möglichst viele Nudeln vor dem Start der Alltag waren, so ernähren sich die Profis heutzutage ausgewogen – und vor allem abgewogen. Fast alle Teams haben ihren eigenen Koch an Board. Für jeden Fahrer wird individuell bestimmt, von welchem Nährstoff er wie viel essen sollte. Die Teams überwachen die Ernährung bis ins kleinste Detail und können so sicherstellen, dass ihre Fahrer körperlich in Bestform sind.
5) Scouting & Talentförderung: Frühere Selektion und gezieltes Training
Nachwuchsfahrer werden heute viel früher professionell betreut. Die Leistungsdiagnostik im Juniorenalter filtert Talente gezielt heraus. Dadurch kommen Fahrer schon mit 20 Jahren auf Weltklasseniveau und können sofort um Siege fahren. Aktuelle Beispiele hierfür sind Hector Alvarez, Jarno Widar und Albert Philipsen. Früher war der Weg vom Junior bis zum Siegfahrer bei den Profis enorm steinig und schwer. Oft haben Profis ihren Leistungshöhepunkt erst mit 30 Jahren erreicht. Wird heute ein 14-jähriges Talent entdeckt, wird er sofort unter die Fittiche der Profiteams bzw. deren Nachwuchsteams genommen.
6) Optimierte Rennstrategien: Fahren nach Watt und nicht nach Gefühl
Auch renntaktisch hat sich einiges getan im Radsport. Früher sind die Profis nach Gefühl gefahren. Wer seinen Körper besser kannte, hatte Vorteile. Heute kommt es kaum noch vor, dass sich Fahrer überschätzen, weil sie nach Werten fahren und nicht mehr nach Instinkt. Zum Zusehen mag das manchmal etwas langweilig wirken, aber für die Leistungssteigerung ist auch dieser Punkt ein wichtiger Faktor. Die Fahrer wissen, wie viel Watt sie treten können und sie wissen auch, wie lange sie im roten Bereich überleben.
7) Professionelle Teamstrukturen: Es wird nichts dem Zufall überlassen
Die Teams haben heutzutage deutlich mehr Mitarbeiter als früher. Begründet werden kann das vor allem mit zahlreichen neuen Jobs, die geschaffen wurden. Köche, Aerodynamik-Experten und Mental-Coaches hat man früher einfach nicht für wichtig erachtet. Heute werden sie sehr geschätzt, weil sie den Fahrer und das Team insgesamt einfach besser machen.
8) Regenerations- und Schlafoptimierung: Sogar nachts wird indirekt trainiert
Ein ebenfalls stark unterschätzter Bereich war früher das Schlafen bzw. die Erholung und Regeneration allgemein. Heute weiß man: Wer besser schläft, erholt sich besser. Und wer sich besser erholt, ist schneller wieder leistungsfähig. Höhentrainingslager gab es vereinzelt auch früher schon, aber professionalisiert wurde es erst nach 2000. Vor allem das Team Ineos Grenadiers bzw. Sky hat sich diesem Thema gewidmet. Ihre Fahrer schliefen teilweise sogar während einer Tour de France in einem speziellen Sauerstoffzelt. So wurden über Nacht mehr rote Blutkörperchen gebildet. Heutzutage gibt es für das Bilden von roten Blutkörperchen diverse Mittel und Wege. Manche sind legal, manche nicht.
9) Moderne Strecken- und Rennentwicklung: Weniger Bummel-Etappen als früher
Vergleichen wir die Etappenprofile der Tour de France von heute mit der von vor 20-30 Jahren, stellen wir große Veränderungen fest. Zu Zeiten von Ullrich und Armstrong war es völlig normal, dass die ersten zehn Tage den Sprintern gehörten. Tellerflache Etappen sorgten für geringe Geschwindigkeiten, da das Peloton die Ausreißer ziehen ließ und schließlich kontrolliert wieder einholen konnte. Heutzutage gibt es pro Rundfahrt höchstens 1-2 Bummel-Etappen. Fast alle Teilstücke sind hart umkämpft, was zu hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten führt.
10) Bessere Straßenverhältnisse: Wenn die Tour kommt, gibts neuen Asphalt
Nicht unterschätzen dürfen wir auch die Verbesserung des Straßenbelags. Blicken wir in die ferne Vergangenheit zurück, sind die Profis damals eigentlich häufiger Gravelrennen gefahren, als Straßenrennen. Natürlich müssen die Profis auch heute noch mit schlechten Straßenverhältnissen leben, aber insgesamt hat sich die Qualität des Bodens deutlich verbessert. Bei der Tour de France ist es sogar so, dass häufig ein neuer Asphalt verlegt wird, sobald fest steht, dass die Tour de France hier vorbeifahren wird.

Insgesamt gibt es also viele Gründe, warum die Profis bei der Tour de France immer schneller werden. Natürlich kann nie ausgeschlossen werden, dass Doping noch immer eine Rolle spielt. Das Vertrauen in den Radsport hat in den vergangenen Jahren aber stark zugenommen – und das zurecht. Denn die Kontrollen sind im Profiradsport so streng wie in keiner anderen Sportart.


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