Am Freitag beginnt in Bulgarien der Giro d’Italia 2026. Alle Experten sind sich einig: Jonas Vingegaard ist der große Favorit. Aber was passiert hinter dem Dänen? Ich tippe die Top 10 der Gesamtwertung – mit einigen Überraschungen.
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Giro d’Italia 2026 Favoriten: Der Sieger kann nur Vingegaard heißen
Er hat 2x die Tour de France gewonnen und war in den vergangenen Jahren hinter Tadej Pogacar der beste Kletterer und Rundfahrer im Straßenradsport. Eine Zahl, die das belegt: Jonas Vingegaard wurde bei seinen letzten sieben großen Landesrundfahrten immer Gesamterster oder -zweiter. Der Däne bestreitet 2026 seinen ersten Giro d’Italia und alles andere als ein souveräner Gesamtsieg wäre eine faustdicke Überraschung. Das sehen auch die Wettanbieter so, die aktuell maximal eine Quote in Höhe von 1,20 anbieten. Das bedeutet, dass bei einem Einsatz von 100 Euro nur 20 Euro Gewinn ausgezahlt werden. Für ein Ereignis, das drei Wochen dauert und so ungewiss und gefährlich ist wie der Radsport, ist das eine unglaublich niedrige Quote. Das zeigt: Es gibt keinerlei Zweifel am Gesamtsieg von Jonas Vingegaard. Nur ein Sturz, eine Verletzung oder eine Erkrankung kann ihn stoppen.
Jonas Vingegaard
Alter: 29
Nation: Dänemark
Team: Visma | Lease a Bike
Stärken: Hochgebirge, Zeitfahren, Regeneration, Erfahrung
Gefahren: –
Adam Yates: Auf den Spuren des Bruders
Als Simon Yates im vergangenen Jahr völlig überraschend den Giro d’Italia gewann, hat sich sein Bruder sicher mit ihm gefreut. Auch, wenn dessen Teamkollege Isaac del Toro dadurch den Gesamtsieg verpasst hat. Nun hat Simon seine Karriere ebenso überraschend zu Beginn des Jahres beendet. Und plötzlich erhält Adam Yates die Chance, die Italien-Rundfahrt auf eigene Rechnung zu bestreiten. Der Brite sollte eigentlich als Edelhelfer für Joao Almeida fungieren. Doch der Portugiese hat seinen Start verletzungsbedingt abgesagt. Nun tritt das UAE Team Emirates – XRG mit einer Doppelspitze an: Neben Adam Yates darf sich Jay Vine als Klassementfahrer ausprobieren. Der Australier jedoch ist in der Vergangenheit immer wieder von Stürzen ausgebremst worden. Außerdem hatte er seine stärksten Momente als Helfer oder Etappenjäger. Daher ist eher an eine seriöse GC-Rolle von Adam Yates zu glauben.
Adam Yates
Alter: 33
Nation: Großbritannien
Team: UAE Team Emirates – XRG
Stärken: Hochgebirge, Erfahrung
Gefahren: Zeitfahren, Konstanz
Giulio Pellizzari: Das Podium ist der logische Schritt
Er ist einer der großen Aufsteiger der Saison 2026: Giulio Pellizzari gewann die Tour of the Alps und fuhr bei Tirreno-Adriatico und der Valencia-Rundfahrt auf Rang drei. Seine Entwicklung schreitet erwartungsgemäß voran. Der Italiener ist die große Hoffnung der Tifosi, hier einen ihrer Landsleute auf dem Podium zu sehen. Mit einem starken Team an seiner Seite (u. a. Vlasov und Hindley) dürfen wir viel von ihm erwarten. In den Bergen könnte er gemeinsam mit Adam Yates der einzige sein, der Jonas Vingegaard auch nur annähernd folgen kann. Allerdings: Pellizzari hat in seiner Karriere erst drei Grand Tours bestritten und hat nun erstmals eine hohe Erwartungshaltung zu verkraften. Ist er dem Druck gewachsen?
Giulio Pellizzari
Alter: 22
Nation: Italien
Team: Red Bull – BORA – hansgrohe
Stärken: Hochgebirge
Gefahren: Zeitfahren, Druck
Thymen Arensman: Reif für den Wandel zum GC-Fahrer
Im vergangenen Jahr hat Thymen Arensman zwei Etappen der Tour de France gewonnen. Der Niederländer war im Hochgebirge brutal stark, hat sich aber nicht auf eine gute Platzierung in der Gesamtwertung fokussiert. Beim Giro d’Italia 2026 zählt er zu den Favoriten, weil er gemeinsam mit Egan Bernal eine Doppelspitze seines Teams bildet. Diesmal soll er nicht von Anfang an auf Etappenjagd gehen. Dass er auch GC kann, hat er bereits bewiesen, auch wenn viele dies vergessen haben. 2023 und 2024 wurde er jeweils Sechster beim Giro d’Italia. Jetzt soll das Podium angepeilt werden. Dafür muss er vor allem die erste Woche überstehen.
Thymen Arensman
Alter: 26
Nation: Niederlande
Team: Netcompany INEOS Cycling Team
Stärken: Berge, Zeitfahren, Erfahrung
Gefahren: Erste Woche, Positionierung, Geteilte Leaderrolle
Felix Gall: Nur das Zeitfahren macht Sorgen
Unvergessen sind die Bilder aus dem Jahr 2023, als Felix Gall bei der Tour de France der einzige war, der mit Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard im Hochgebirge mithalten konnte. Leider war der Österreicher damals noch nicht so konstant über drei Wochen, so dass es lediglich für Rang acht im GC reichen sollte. Immerhin gewann er eine Etappe – ein Riesenerfolg für ihn und sein Land! Zwei Jahre später fuhr er auf Rang fünf und war endgültig angekommen unter den besten Klassementfahrern im Profiradsport. Nun will er das auch beim Giro d’Italia beweisen. Hier stand er 2022 das erste und einzig Mal am Start. Damals aber war er noch kein gestandener GC-Fahrer und weit weg von einer Kapitänsrolle. Er ist bereit, das Podium anzugreifen. Angst macht ihm nur das Zeitfahren.
Felix Gall
Alter: 28
Nation: Österreich
Team: Decathlon CMA CGM
Stärken: Hochgebirge
Gefahren: Zeitfahren, Abfahrten
Derek Gee-West: Kommt er rechtzeitig in Form?
Das große Sorgenkind in meiner Top 10 heißt Derek Gee-West. So heißt er erst seit dieser Saison, denn der Kanadier hat seine Verlobte geheiratet und sich für einen Doppelnamen entschieden. Ohne West fuhr er im Vorjahr des Giro d’Italia sensationell auf Rang vier in der Gesamtwertung. Vom reinen Ausreißer mit Riesen-Motor hat er sich erfolgreich zum GC-Fahrer transformiert. Nun hat er das Team gewechselt und peilt eigentlich das Podium an. Doch die Saison 2026 verläuft bislang alles andere als nach Plan. Von Stürzen und Erkrankungen geplagt, fährt er seiner Form hinterher. Wird er rechtzeitig fit für den Giro? Für ihn in die Bresche springen könnte Teamkollege Giulio Ciccone. Doch der Italiener hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er eher ein Mann für die Etappenjagd oder für einwöchige Rundfahrten ist.
Derek Gee-West
Alter: 28
Nation: Kanada
Team: Lidl – Trek
Stärken: Hochgebirge, Zeitfahren, Regeneration
Gefahren: Hügel, Bikehandling
Santiago Buitrago: Das Top Ten-Triple in Italien klarmachen
Bei der Vuelta a Espana 2023 und der Tour de France 2024 ist Santiago Buitrago bereits auf Rang zehn gefahren. Diese magische Marke hat er in Italien bislang verpasst. Sowohl 2022 (12.), als auch 2023 (13.) war der Kolumbianer dafür einfach zu unkonstant. Mittlerweile ist er 26 Jahre alt und endlich Reif für die Top Ten beim Giro d’Italia. Mit Damiano Caruso hat er einen erfahrenen Italiener an seiner Seite, der ihm dabei helfen wird. Die Saison 2026 jedenfalls läuft für Buitrago nicht verkehrt. Bei Tirreno-Adriatico wurde er Gesamtsiebter, in Katalonien Elfter. Klappt es nicht mit dem GC, wird er sich schon in der zweiten Woche auf die Etappenjagd konzentrieren.
Santiago Buitrago
Alter: 26
Nation: Kolumbien
Team: Bahrain – Victorious
Stärken: Hochgebirge
Gefahren: Zeitfahren, Positionierung, Erste Woche
Michael Storer: Etappenjagd und Bergtrikot oder GC-Ambitionen?
Das Tudor Pro Cycling Team schickt mit Michael Storer einen ernstzunehmenden Kapitän ins Rennen. Die Schweizer vermeldeten offiziell, dass sie mit ihrer Mannschaft auf Etappenjagd gehen und Ambitionen in der Gesamtwertung verfolgen. Zweites kann nur auf Michael Storer bezogen sein. Der Australier ist ein starker Kletterer, der in den vergangenen beiden Jahren jeweils Platz 10 hier in Italien erreicht hat. Fragt sich nur, ob ihm das auch ein drittes Mal genügt, oder ob er lieber doch auf das Bergtrikot schielt und Etappen gewinnen will.
Michael Storer
Alter: 29
Nation: Australien
Team: Tudor
Stärken: Hochgebirge
Gefahren: Zeitfahren, Konstanz
Egan Bernal: Edelhelfer, Co-Kapitän oder doch der wahre Leader?
Als Sieger von zwei großen Landesrundfahrten müsste Egan Bernal eigentlich viel früher genannt werden. Aber der Kolumbianer hat eine schwierige Zeit hinter sich. Nach seinen Gesamtsiegen bei der Tour de Suisse, Paris-Nizza, der Tour de France und dem Giro d’Italia – nur um einige zu nennen – musste er im Januar 2022 einen schweren Sturz wegstecken. Im Training prallte er ungebremst gegen einen stehenden Bus. Es ist wie ein Wunder, dass Egan Bernal überhaupt noch Radfahren kann. Nachdem er sich bei seinem Comeback lange schwer tat, scheint er 2026 wieder stärker zu sein. Bei der Tour of the Alps kletterte er auf Rang zwei und bei Lüttich-Bastogne-Lüttich wurde er starker Fünfter.
Egan Bernal
Alter: 29
Nation: Kolumbien
Team: Netcompany INEOS Cycling Team
Stärken: Hochgebirge, Erfahrung
Gefahren: Zeitfahren, Geteilte Leaderrolle
Ben O’Connor: War er 2024 ein One-Hit-Wonder?
Nur allzu gerne blickt Ben O’Connor ins Jahr 2024 zurück. Der Australier kletterte beim Giro d’Italia auf Rang vier, bei der Vuelta a Espana sogar auf Rang zwei. Zum Saisonabschluss wurde er sogar Vizeweltmeister. Er war auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Danach jedoch ging es rasant bergab. Er wechselte das Team und konnte die in ihn gesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Nach Rang elf bei der Tour de France und einem DNF bei der Vuelta musste er 2025 als verlorenes Jahr abhaken. 2026 sollte es wieder aufwärts gehen, doch auch in den vergangenen Monaten tat sich Ben O’Connor schwer. Während sich die anderen Fahrer um ihn herum weiterentwickelt haben, scheint er bestenfalls zu stagnieren. Dennoch kann er die Top Ten beim Giro d’Italia schaffen – notfalls durch eine lange Flucht.
Ben O’Connor
Alter: 30
Nation: Australien
Team: Jayco AlUla
Stärken: Berge, Erfahrung
Gefahren: Konstanz, Zeitfahren
Giro d’Italia 2026 Favoriten: Wer es nicht in meine Top 10 geschafft hat
Damiano Caruso
Der Italiener wird 39 Jahre alt und ist über seinem Zenit. 4x gelang es ihm beim Giro d’Italia unter die besten Zehn zu fahren, bei der Tour und der Vuelta 1x. Aber seine Zeit ist vorbei. Er kann hier auf Etappenjagd gehen oder Teamkollege Santiago Buitrago helfen.
Giulio Ciccone
Keine Frage: Giulio Ciccone hat die Fähigkeiten, um bei einer Grand Tour unter die ersten Zehn zu fahren, vielleicht sogar aufs Podium. Fakt ist aber auch, dass er es 15x versucht und nie geschafft hat. Warum sollte sich das jetzt ändern? Von seinen letzten zehn Starts bei einer großen Landesrundfahrt hat er nur fünf beendet. Er kann als Etappenjäger glänzen, aufs Begrtrikot fahren oder als Helfer für Derek Gee-West fungieren.
Lennert van Eetvelt
Vor einigen Jahren galt Lennert van Eetvelt als großes Rundfahrer-Talent. Mittlerweile muss man aber sagen, dass der Belgier die Erwartungen nicht erfüllt. Ja, er gewann die UAE Tour und die Tour of Guangxi im Jahr 2024, seitdem aber hat er sich nicht weiterentwickelt. Das liegt auch daran, dass er immer wieder mit Stürzen und Erkrankungen zu kämpfen hat, aber auch, dass ihn sein Team falsch einsetzt. Er wäre gut beraten, beim Giro d’Italia auf Etappenjagd im Hochgebirge zu gehen und dabei Bergpunkte zu sammeln. Versucht er auf GC zu fahren, sehe ich ihn scheitern.
Enric Mas
So hart es auch klingt, aber die Zeit von Enric Mas ist vorbei. Der Spanier ist 6x bei der Vuelta und 2x bei der Tour unter die Top 6 gefahren. Das Jahr 2025 aber verlief enttäuschend. Beim Giro d’Italia stand er noch nie am Start. Allgemein ist Enric Mas jemand, der ein gewohntes Umfeld bevorzugt und Veränderungen meidet. Er fährt am liebsten in Spanien, ist selten in anderen Ländern erfolgreich. Sein letztes gutes Resultat ist datiert von April ’25, als er Zweiter bei der Baskenland-Rundfahrt wurde. Nichts deutet daraufhin, dass er beim Giro nun zu den Besten zählt.
Alessandro Pinarello
Anders als bei Enric Mas ist die Zeit von Alessandro Pinarello nicht um. Sie fängt gerade erst an. Der 22-Jährige hat das Zeug zu einem guten GC-Fahrer zu werden. Noch ist er das allerdings nicht, auch wenn er bei O Gran Camiño Gesamtdritter wurde. Der Italiener fuhr außerdem auf Platz zehn bei Tirreno-Adriatico und auf Platz zwölf in der Algarve. Mit ihm müssen wir also rechnen, aber der Giro d’Italia 2026 kommt etwas zu früh.
Jai Hindley & Aleksandr Vlasov
Der Australier und der Russe galten vor einigen Jahren noch als Top-Klassementfahrer. Jai Hindley gewann sogar die Italien-Rundfahrt, Alex Vlasov fuhr hier auf Rang vier, bei der Tour auf Platz fünf und bei der Vuelta auf Rang sieben. Beide sind also starke Rundfahrer, die das bereits mehrfach bewiesen haben. Beim Giro d’Italia 2026 werden sie sich aber in einer klaren Helferrolle wiederfinden. Ihr Kapitän heißt Giulio Pellizzari und den müssen sie auf jeder Etappe mit all ihrer Erfahrung unterstützen. Möglich, dass sie im Hochgebirge die Freiheit erhalten, auf Etappenjagd zu gehen. Aber in der Gesamtwertung werden sie nichts ausrichten.
Sepp Kuss
Als Edelhelfer kletterte Sepp Kuss im Jahr 2023 beim Giro d’Italia auf Platz 14 und bei der Tour de France auf Platz 12. Anschließend gewann er – eigentlich auch als Helfer eingeplant – aus Versehen die Vuelta a Espana. Seitdem hat man von ihm leider nicht mehr viel gesehen. Der US-Amerikaner hat stark abgebaut, galt einst als bester Berghelfer im Peloton. Diese Zeit ist vorbei. Er wird für Jonas Vingegaard wichtig sein, aber kein eigenes Resultat einfahren können.
Jay Vine
Erst im Alter von 24 Jahren begann Jay Vine seine Karriere als professioneller Radfahrer. Über das Zwift Academy Talentprogramm wurde er entdeckt, anschließend gefördert und schließlich vom besten Team der Welt verpflichtet. Eine unglaubliche Geschichte. Fast so unglaublich wie die Geschichte, dass er zu Beginn der Saison mit einem Känguru kollidierte. Die Tour Down Under gewann er dennoch. Beim Giro d’Italia wird es für ihn allerdings nicht für die Top Ten reichen. Auch wenn er das Zeug dazu hat, fehlen ihm für eine Grand Tour einfach diverse Fähigkeiten. Nur vier seiner sieben Grand Tours konnte er beenden. Auch bei einwöchtigen Rundfahrten muss er oft aussteigen, weil er zu Fall kam. Sein Bikehandling ist immer noch zu schlecht, um sich konstant über drei Wochen im Rennen zu halten und sich gut zu positionieren.
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