Max Kanter ist bei der diesjährigen Tour de France bereits 3x unter die Top Ten gesprintet. Noch wartet der Deutsche auf seinen ersten Sieg bei einer Grand Tour. Der Grund? Sein Timing!
Max Kanter sprintete 15x unter die Top Ten
Sprinter sind verrückte Menschen. Nach mehreren Stunden Fahrzeit riskieren sie bei Höchstgeschwindigkeit ihre Gesundheit. Dabei sind sie oft nur wenige Zentimeter von der Barriere entfernt und berühren ihre Kontrahenten. Alles für den Sieg. Umso bitterer ist es dann, wenn es für eben jenen Sieg nicht reicht. Max Kanter (XDS Astana) ist einer dieser verrückten Menschen. Satte 15x ist er in dieser Saison schon unter die Top Ten gesprintet, nicht selten aufs Podium. Für einen Sieg hat es aber nur 1x gereicht – auf der zweiten Etappe von Paris – Nizza. Auch bei der Tour de France schrammte er nur knapp an einem Etappensieg vorbei. Der Grund für seine guten Platzierungen, aber seine gleichzeitig wenigen Siege, lässt sich anhand einer detaillierten Sprint-Analyse leicht herausfinden.
Sein Problem? Das Timing!
Um ein erfolgreicher Sprinter zu sein, brauchen die Profis vor allem drei Grundvoraussetzungen: (1) Eine gute Positionierung, (2) ein gutes Timing und (3) eine hohe Endgeschwindigkeit. Max Kanter erfüllt die Punkte 2 und 3 mit Bravur. Videoaufnahmen der vergangenen Monate beweisen, dass ihn seine Teamkollegen fast immer in eine gute Ausgangsposition bringen. Der Support stimmt. Außerdem ist klar zu sehen, dass er auf eine hohe Endgeschwindigkeit kommt und dass auch seine Beschleunigung gut ist. Zwar kann er keine Werte vorweisen, wie Tim Merlier, aber das kann – bis auf Tim Merlier – aktuell sowieso niemand. Das Problem bei Max Kanter ist das Timing, wie wir auch auf zwei Tour-Etappen sehen konnten.

Max Kanter zögert in Pau …
In Pau sprintet Max Kanter (roter Kreis) auf der fünften Etappe der Tour de France auf Rang zwei. Schneller war nur Olav Koiij, wobei der Begriff „schneller“ gar nicht unbedingt stimmen muss. Der Deutsche befand sich rund 300 Meter vor dem Ziel in perfekter Position. Vor ihm spendet ein Teamkollege Windschatten. Links hinter ihm lauert der spätere Sieger, rechts daneben Milan Fretin. Als der richtige Zeitpunkt für den Antritt gekommen war, zögert Max Kanter. Sein Kontrahent Olav Kooij zögert nicht. Während er links vorbeizieht, hat Max Kanter bereits ein so großes Geschwindigkeitsdefizit, dass er nicht folgen kann. Noch schlechter macht es Milan Fretin. Der Belgier wartet ebenfalls und lässt sich dann einklemmen.

… und er zögert in Bergerac
Nur wenige Tage später macht Max Kanter (roter Kreis) in Bergerac den gleichen Fehler: Er zögert. Erneut hat er die perfekte Position, aber wandelt diese nicht in einen Sieg um. Rechts neben ihm sehen wir Olav Kooij (gelber Kreis). Ganz unten scheint Tim Merlier (grüner Kreis) in aussichtsloser Position. Doch der tritt nun an und rast links an allen vor ihm liegenden Fahrern vorbei. Auch Olav Kooij tritt an, während Max Kanter weiter abwartet. Als der Deutsche reagiert, ist der Weg blockiert und die Konkurrenz hat erneut einen Geschwindigkeitsüberschuss.

So gehts: Sein Etappensieg bei Paris – Nizza
Diese beiden Beispiele aus Massensprints der Tour de France zeigen, dass Max Kanter ein Timing-Problem hat. Er zögert zu lange, lässt den Konkurrenten einen Vorsprung. Dass er es durchaus besser kann, hat er (roter Kreis) bei seinem Sieg bei Paris – Nizza bewiesen. Auch wenn die Konkurrenz hier sicher schwächer war, hat er die Etappe gewonnen, weil er frühzeitig antrat. Auch hier wurde ihm der Sprint mustergültig vorbereitet. Kanter beschleunigt aus dem Windschatten seines Anfahrers heraus, bevor er von einem Kontrahenten überholt wird. So ist er derjenige, der einen Geschwindigkeitsvorteil hat.
Problem erkannt
Viele Chancen erhalten die Sprinter bei der diesjährigen Tour de France nicht mehr. Max Kanter wird dann wieder zu den Favoriten zählen. Gewinnen kann er aber nur, wenn er an seinem Timing arbeitet. Das Problem hat er selbst jedenfalls schon erkannt, wie er den Zuschauern in einem Interview auf Eurosport nach einer Tour-Etappe verriet. Jetzt muss er die Erkenntnis nur noch in die Tat umsetzen – und wir erleben vielleicht noch bei der Tour de France 2026 einen deutschen Sprintsieg.
-> Vorschau auf die zehnte Etappe der Tour de France 2026

