Was für ein Chaos im Finale der sechsten Etappe des Giro d’Italia: Die favorisierten Sprinter stürzen, Davide Ballerini profitiert und fährt zum Sieg. Doch wie konnte es zu diesem folgenschweren Sturz kommen – und hätte er verhindert werden können?
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Fahrer müssen sich auf die Gegebenheiten einstellen
Schon vorweg: Journalisten, Fans und Fahrer sind sich völlig uneinig darüber, ob ein derart gefährliches Finale bei einer Grand Tour überhaupt vertretbar ist. Die einen halten solche Zielankünfte für unverantwortlich und werfen den Veranstaltern vor, unnötige Risiken für die Unterhaltung in Kauf zu nehmen. Die anderen vertreten die Ansicht, dass Teams und Fahrer sich den Bedingungen anpassen müssen. Ich selbst gehöre klar zur zweiten Gruppe. Ein reines Highspeed-Finish, wie man es etwa bei der Tour de Pologne über Jahre hinweg gesehen hat, lehne ich ab. Technische, anspruchsvolle und taktisch komplexe Finals hingegen gehören für mich zu den großen Reizen einer Rundfahrt. Stürze entstehen meist dann, wenn Fahrer über das Limit gehen, weil sie Situationen falsch einschätzen oder offensichtliche Gefahren ignorieren. Genau das war meiner Meinung nach auch auf der sechsten Giro-Etappe der Fall.

Warum hatten nur die Unibet Rose Rockets noch einen funktionierenden Zug?
Auffällig war bereits rund 800 Meter vor dem Ziel, dass praktisch nur noch die Unibet Rose Rockets einen intakten Sprintzug hatten. Tobias Lund Andresen verfügte zwar noch über einen Helfer, dieser sollte jedoch kurz darauf wegfallen. Paul Magnier hatte noch Jasper Stuyven an seiner Seite, allerdings wirkten die beiden bereits voneinander getrennt. Jonathan Milan und viele andere Favoriten waren zu diesem Zeitpunkt längst isoliert. Die entscheidende Frage lautet daher: Warum? Waren die Unibet Rose Rockets derart dominant, dass sie alle anderen Sprintzüge verdrängten? Oder wollten die übrigen Teams bewusst vermeiden, mit voller Mannschaft in die Kopfsteinpflaster-Passage hineinzurasen?

Warum wurde mit so hohem Tempo in den Pavé-Abschnitt gefahren?
In der ersten Linkskurve vor dem Pavé-Abschnitt wurde das Problem bereits sichtbar. Direkt danach begann das Kopfsteinpflaster – und schon dort hätte es bei diesem Tempo zum Sturz kommen können. Im Hintergrund war ein völlig auseinandergezogenes Feld zu erkennen. Viele Fahrer wollten oder konnten diese hohe Geschwindigkeit offensichtlich nicht mehr mitgehen. Die Unibet Rose Rockets hingegen fuhren mit drei Mann nahezu ungebremst in die Passage hinein. Wieder stellt sich die Frage nach dem Warum. Kein Fahrer hinter ihnen versuchte vorbeizugehen, niemand attackierte, es gab keinen Ausreißer, der noch gestellt werden musste. Es existierte schlicht kein sportlicher Grund, in dieser Situation ein derart hohes Risiko einzugehen. Denn die Fahrer hinter ihnen wollen überhaupt nicht vorbeifahren.

Regen, Kopfsteinpflaster und niemand wollte vorbeifahren
Erst unmittelbar vor der 180-Grad-Rechtskurve scherte der erste Fahrer der Unibet Rose Rockets aus. Dylan Groenewegen hatte damit immer noch einen Anfahrer vor sich. Zwar wurde das Tempo vor der Kurve reduziert – allerdings nicht ausreichend. Dabei waren die Bedingungen offensichtlich kritisch: Schon bei trockener Straße wäre diese Anfahrt extrem gefährlich gewesen. Teams und Fahrer wussten zudem, dass das unregelmäßig verlegte Kopfsteinpflaster selbst ohne Regen äußerst rutschig ist. Mit dem einsetzenden Regen verschärfte sich die Situation zusätzlich. Gerade in solchen Momenten erwarte ich von erfahrenen Fahrern – insbesondere von Anfahrern –, dass sie diese Faktoren berücksichtigen. Auch vor dieser Kurve bestand keinerlei Notwendigkeit, mit maximalem Tempo hineinzufahren. Entscheidend ist dabei: Niemand hinter ihnen wollte vorbeiziehen und niemand ist enteilt.

Der Sturz war die logische Konsequenz
Dann kam es zum Crash. Der letzte Anfahrer von Dylan Groenewegen stürzte. Dahinter wurden zahlreiche Fahrer aufgehalten oder ebenfalls zu Fall gebracht. Der Rest ist Geschichte. Wären die Unibet Rose Rockets mit etwas geringerem Tempo in die Kurve gegangen, hätten die Sprinter den Sieg wahrscheinlich unter sich ausgemacht – und Dylan Groenewegen hätte hervorragende Chancen auf den Etappensieg gehabt. Stattdessen wurde ein unnötig hohes Risiko eingegangen. Natürlich ist es einfach, die Verantwortung allein bei den Veranstaltern zu suchen und das Finale grundsätzlich zu kritisieren. Doch zum Radsport gehört auch die Fähigkeit, ein Etappenprofil und einen Streckenverlauf richtig einzuschätzen und die eigene Strategie entsprechend anzupassen. Genau daran ist das Team meiner Ansicht nach gescheitert. Der Sturz war letztlich die logische Folge eines unnötig hohen Risikos.

Wie hätte der Sturz verhindert werden können?
Dabei hatten die Unibet Rose Rockets bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich hervorragende Arbeit geleistet. Sie brachten ihren Sprinter perfekt in Position und waren kurz vor dem Ziel noch zu dritt an der Spitze. Das Problem war allerdings: Diese Zielankunft war keine klassische Massensprint-Ankunft – sie wurde jedoch wie eine solche gefahren. Hätte das Team vor den beiden entscheidenden Kurven das Tempo kontrollierter gestaltet, wäre ihr Lead-out nahezu perfekt gewesen. Entweder unterschätzte man die Gefahr dieser Passage oder man nahm das Risiko bewusst in Kauf. In beiden Fällen liegt der entscheidende Fehler aus meiner Sicht beim Team. Natürlich ist der Wunsch nach einem großen Erfolg nachvollziehbar – gerade für die Unibet Rose Rockets. Die Chance, bei einem prestigeträchtigen Rennen die größten Namen des Sprints zu schlagen, bekommt man nicht oft. Doch genau dieser Versuch, den Erfolg mit maximalem Risiko zu erzwingen, führte letztlich dazu, dass sie auch die Verantwortung für den Sturz tragen müssen.
Anspruchsvoll ist nicht gleich unverantwortlich
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen einem anspruchsvollen und einem wirklich unverantwortlichen Finale. Die Zielankunft dieser Giro-Etappe war technisch schwierig, taktisch interessant und verlangte Vorbereitung sowie präzise Analyse. Genau solche Finals können den Radsport bereichern. Andere Zielankünfte hingegen überschreiten diese Grenze deutlich. Die jahrelangen Highspeed-Sprints bei der Tour de Pologne etwa waren aus meiner Sicht unverantwortlich – ebenso wie Finals, bei denen Absperrungen oder Hindernisse gefährlich in die Fahrbahn ragen. Solche technisch anspruchsvollen Finals wie heute sollte der Radsport jedoch weiterhin bieten. Denn man muss sich nur vorstellen, die Unibet Rose Rockets hätten die beiden Kurven etwas kontrollierter angefahren: Dann hätten wir vermutlich ein spektakuläres, intensives und gleichzeitig sicheres Finale erlebt – ohne jede Diskussion über einen schweren Sturz.
𝑩𝑨𝑳𝑳𝑨𝑫𝑶𝑵𝑨 🔟⚡
— Eurosport.es (@Eurosport_ES) May 14, 2026
Davide Ballerini gana en un espectacular y accidentado esprint adoquinado en Nápoles y da una nueva victoria a Astana. Los favoritos libran antes del Blockhaus.#GirodItalia | #LaCasadelCiclismo pic.twitter.com/lQrTgtqIBo


3 Gedanken zu „Giro Deep Dive: Zu viel Risiko im Finale der 6. Etappe?“