Beim niederländischen Radsportteam Picnic–PostNL steht neben einer sportlichen Krise inzwischen auch die interne Führung massiv in der Kritik. Eine umfangreiche Recherche von NOS Sport und dem Podcast In de Waaier zeichnet nach Gesprächen mit 71 aktuellen und ehemaligen Teamangehörigen das Bild eines Arbeitsumfelds, in dem Widerspruch offenbar unerwünscht gewesen sein soll. Ehemalige Fahrer und Mitarbeiter berichten von psychischen Belastungen, strengen Vorschriften und einem gestörten Vertrauensverhältnis zur Führung. Während die Verantwortlichen den Vorwurf einer Angstkultur zurückweisen, soll nun eine unabhängige Untersuchung die Geschehnisse aufklären.
Samen met de NOS deden we de afgelopen maanden onderzoek naar het sportieve verval, de financiële malaise en de angstcultuur bij Picnic PostNL. Luister nu naar het resultaat, een vierdelige podcastserie – De Gehaktmolen. https://t.co/8IVbsFkrUZ
— Thijs Zonneveld (@thijszonneveld) October 15, 2026
Vom Erfolgsteam zum sportlichen Sorgenkind
Noch vor wenigen Jahren zählte die Mannschaft zu den erfolgreichsten Rennställen im internationalen Radsport. John Degenkolb gewann 2015 Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix, während Marcel Kittel zahlreiche Etappenerfolge bei der Tour de France feierte. 2017 triumphierte Tom Dumoulin beim Giro d’Italia und wurde Zeitfahrweltmeister. Im selben Jahr sicherte sich Michael Matthews das Grüne Trikot der Tour de France. Von diesen Glanzzeiten ist mittlerweile wenig übrig geblieben. 2025 gelangen der Mannschaft lediglich vier Siege, darunter zwei auf WorldTour-Niveau durch Casper van Uden beim Giro und Oscar Onley bei der Tour de Suisse. 2026 folgte erst am 14. Oktober durch Frits Biesterbos bei der Tour of Guangxi ein weiterer WorldTour-Erfolg. In beiden Jahren zusammen stehen damit nur drei Siege bei Rennen der höchsten Kategorie. Der Journalist Thijs Zonneveld sieht hinter diesem Niedergang größere Probleme: “Der sportliche Absturz, den wir alle sehen können, steht nicht allein da.“
“Ich hatte sie weinend am Telefon.“
Jeroen van Keulen
71 Gesprächspartner berichten von einer Angstkultur
Gemeinsam mit NOS Sport ging Zonneveld der Frage nach, weshalb das einstige Spitzenteam sportlich derart zurückgefallen ist. Im Verlauf der mehrmonatigen Recherche entstand allerdings ein deutlich umfassenderes Bild. Insgesamt 71 ehemalige und aktuelle Fahrer sowie Mitarbeiter berichteten über ihre Erfahrungen innerhalb der Organisation. Viele schilderten eine Atmosphäre, in der Kritik unerwünscht gewesen und persönliche Eigenständigkeit kaum akzeptiert worden sei. Die Vorwürfe betreffen nach Angaben der Journalisten nicht ausschließlich die Männermannschaft, sondern auch das Nachwuchsteam und den Frauenbereich. Nur zwei Gesprächspartner wollten zunächst öffentlich mit ihrem Namen auftreten. Zonneveld begründete die Zurückhaltung unter anderem mit Verschwiegenheitsvereinbarungen, die ehemalige Beschäftigte unterzeichnet hätten. Auch die niederländische Vereinigung der Berufsradsportler VVBW bestätigte, vergleichbare Beschwerden erhalten zu haben. Ihr Sekretär Jeroen van Keulen berichtete über die Betroffenen: “Diese Fahrer machen eine sehr schwere Zeit durch. Ich hatte sie weinend am Telefon.“
“Ich habe sogar daran gedacht, mir selbst etwas anzutun.“
Martijn Tusveld
Die erschütternden Erfahrungen von Martijn Tusveld
Besonders schwer wiegen die Schilderungen des ehemaligen Profis Martijn Tusveld. Der Niederländer fuhr zwischen 2018 und 2024 für die Mannschaft und sieht einen Vorfall beim Giro d’Italia 2020 als entscheidenden Einschnitt seiner Karriere. Nachdem Sportdirektor Rudi Kemna die Fahrer nach ihrer Einschätzung zur Renntaktik gefragt hatte, äußerte Tusveld seine Zweifel an der gewählten Vorgehensweise. Anschließend soll ihm vorgeworfen worden sein, für schlechte Stimmung zu sorgen. Im folgenden Jahr fehlten wichtige Rennen in seinem Programm, außerdem wurde ihm eine Vertragsverlängerung zunächst verweigert. Nur weil zwei andere Fahrer die Mannschaft unerwartet verließen, erhielt er doch einen neuen Vertrag. Tusveld berichtet, dass er fortan aus Angst vor Konsequenzen seine Meinung zurückhielt. Die Situation habe bei ihm depressive Beschwerden ausgelöst. Gegenüber NOS erklärte er: “Ich dachte mir: Ich halte einfach den Mund und sage zu allem ‘Ja‘. Und genau das habe ich für den Rest meiner Zeit im Team getan. Ich habe sogar daran gedacht, mir selbst etwas anzutun.“ Ende 2025 beendete er seine Karriere.
“Sie wurden paranoid.“
Adriaan Helmantel
Strenge Regeln und wenig Raum für eigene Entscheidungen
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die weitreichende Kontrolle durch die Teamleitung. Der ehemalige Trainer Adriaan Helmantel, der bis 2018 unter anderem mit Tom Dumoulin arbeitete, beschrieb eine Organisationsstruktur, die den direkten Austausch zwischen Athleten und Trainern zunehmend eingeschränkt habe. Bei einer mehrtägigen Besprechung 2017 sei deutlich geworden, dass die Verantwortlichen persönliche Beziehungen innerhalb der Mannschaft möglichst begrenzen wollten. Helmantel vermutete dahinter die Sorge, die Führung könnte dadurch an Einfluss verlieren. Das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Management habe sich daraufhin immer weiter verschlechtert. “Sie wurden paranoid“, urteilte er über die Führungsebene. Andere frühere Beschäftigte berichten von einem ähnlich kompromisslosen Umgang mit abweichenden Meinungen. Wer die festgelegten Abläufe infrage gestellt habe, habe mit Konsequenzen rechnen müssen. “Jeder ist ersetzbar“, soll dabei eine wiederkehrende Botschaft gewesen sein. Nach Dumoulins Giro-Sieg 2017 hätten sich die Vorgaben nach Darstellung eines Befragten sogar noch weiter verschärft.

Nicolas Roche kritisiert fehlende Flexibilität
Nach Veröffentlichung der Recherche meldete sich auch der ehemalige irische Profi Nicolas Roche zu Wort. Er hatte seine letzten drei Karrierejahre von 2019 bis 2021 bei der Mannschaft verbracht und zunächst durchaus Gefallen an deren strukturierter Arbeitsweise gefunden. Später seien die Vorschriften jedoch immer belastender geworden. Bei einem Trainingslager 2021 habe er beispielsweise Ärger bekommen, weil er eine Trainingseinheit eigenständig um eine Stunde verlängert hatte. Für die Verantwortlichen sei nicht entscheidend gewesen, ob die zusätzliche Belastung sinnvoll war, sondern allein die Abweichung vom Trainingsplan. Besonders irritiert habe ihn eine Situation bei der Tour de France 2020. Nachdem Søren Kragh Andersen trotz einer kurzfristigen taktischen Änderung eine Etappe gewonnen hatte, soll Teamchef Iwan Spekenbrink hinterher kritisiert haben, dass der ursprüngliche Plan nicht eingehalten worden sei. Roche hält eine derart starre Vorgehensweise im Radsport für ungeeignet, weil Rennverläufe von zahlreichen unvorhersehbaren Faktoren abhängen.
“Es gab einen Konflikt nach dem anderen.“
Nicolas Roche
Auch das menschliche Miteinander in der Kritik
Neben den sportlichen Vorschriften kritisieren ehemalige Teammitglieder insbesondere den zwischenmenschlichen Umgang. Roche berichtete beispielsweise, dass während großer Rundfahrten regelmäßig die Masseure gewechselt worden seien. Dadurch habe sich kaum ein persönliches Vertrauensverhältnis entwickeln können. Auch enge Freundschaften innerhalb der Mannschaft seien nach seiner Wahrnehmung nicht erwünscht gewesen. Andere Befragte beschrieben Fahrer, die sich zunehmend auf die Rolle ausführender Teammitglieder reduziert gefühlt hätten. Persönliche Einschätzungen und Erfahrungen seien gegenüber den Vorgaben des Managements in den Hintergrund getreten. Hinzu kommen Beschwerden über unzureichende psychologische Unterstützung. Ein anonymer Fahrer behauptete, Kemna habe Gespräche über psychische Probleme mit seiner Ablehnung gegenüber Psychologen abgeblockt. Roche betonte allerdings auch positive Erfahrungen. Während der Corona-Pandemie gehörte die Mannschaft zu den wenigen Teams, die ihren Fahrern weiterhin das vollständige Gehalt zahlten. Dafür sei er den Verantwortlichen bis heute dankbar, auch wenn er das Arbeitsumfeld insgesamt kritisch beurteile.

Journalisten schildern einen ungewöhnlichen Empfang
Auch die Recherche selbst verlief nach Darstellung der beteiligten Journalisten nicht ohne Schwierigkeiten. NOS Sport und In de Waaier hatten der Teamführung im Vorfeld 23 Fragen übermittelt, um ihr Gelegenheit zu geben, auf die Anschuldigungen zu reagieren. Anschließend wurden die Reporter zum Standort der Mannschaft in Deventer eingeladen. Dort kam es laut Zonneveld jedoch nicht zum erwarteten Gespräch mit Teamchef Iwan Spekenbrink. Stattdessen hätten sich rund 25 Personen im Eingangsbereich versammelt und die Journalisten lautstark konfrontiert. Eine Führungskraft habe sogar versucht, Zonneveld sein Telefon abzunehmen. Außerdem sei verlangt worden, vertrauliche journalistische Quellen offenzulegen, was der Journalist ablehnte. Zonneveld wertete die Situation als weiteren Hinweis auf den problematischen Umgang der Organisation mit Kritik. Spekenbrink verweigerte schließlich sowohl ein schriftliches als auch ein gefilmtes Interview. Erst nach der Veröffentlichung der Vorwürfe bezog die Mannschaft offiziell Stellung und kündigte weitere Schritte an.
“So sieht die Realität in unserem Umfeld nicht aus“
Rudi Kemna
Teamführung weist Vorwürfe entschieden zurück
Sportdirektor Rudi Kemna zeigte sich angesichts der Berichte tief betroffen. Gegenüber niederländischen Medien erklärte er, dass ihn insbesondere die Schilderungen über psychische Belastungen erschüttert hätten. Gleichzeitig widersprach er der Darstellung eines von Einschüchterung geprägten Arbeitsumfelds. “So sieht die Realität in unserem Umfeld nicht aus – es gibt bei uns weder eine ‘Angstkultur‘ noch eine ‘Diktatur‘“, versicherte er. Die Mannschaft lege großen Wert auf Sicherheit und wolle verhindern, dass Fahrer zu Handlungen gedrängt würden, die sie selbst nicht wollten. Dabei verwies Kemna auch auf negative Erfahrungen aus der früheren Dopinggeschichte des Radsports. Die strengen Abläufe sollten demnach unter anderem solche Entwicklungen verhindern. Dass Mitarbeiter die Teamkultur dennoch als belastend empfunden hätten, sei von den Verantwortlichen nicht erkannt worden. Kemna betonte zugleich, dass sich viele Beschäftigte innerhalb der Organisation wohlfühlten. Er zeigte sich jedoch bereit, mit Betroffenen zu sprechen und mögliche Fehler aufzuarbeiten.
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Unabhängige Untersuchung soll Klarheit schaffen
Als Reaktion auf die Vorwürfe kündigte Picnic–PostNL eine unabhängige Untersuchung der internen Teamkultur an. Dabei soll geklärt werden, ob innerhalb der Organisation tatsächlich strukturelle Probleme bestehen und welche Veränderungen notwendig sind. Auch der langjährige Mitarbeiter und heutige Sportliche Leiter Roy Curvers räumte ein, dass die Mannschaft sich grundlegend hinterfragen müsse. Schon angesichts der enttäuschenden sportlichen Entwicklung sei deutlich geworden, dass ein einfaches Weiter-so keine Lösung sein könne. Curvers sieht innerhalb der Organisation inzwischen die Bereitschaft, bestehende Abläufe kritisch zu überprüfen. Ob der sportliche Niedergang unmittelbar mit den geschilderten Führungsproblemen zusammenhängt, lässt sich bislang nicht abschließend beurteilen. Dennoch steht das Team vor einer doppelten Herausforderung: Es muss sportlich wieder konkurrenzfähiger werden und zugleich das Vertrauen seiner Mitarbeiter stärken. Die angekündigte Untersuchung dürfte deshalb entscheidend dafür sein, wie sich die Organisation künftig aufstellt und ob es ihr gelingt, die schweren Vorwürfe glaubwürdig aufzuarbeiten.
𝐓𝐞𝐚𝐦 𝐬𝐭𝐚𝐭𝐞𝐦𝐞𝐧𝐭 𝐟𝐨𝐥𝐥𝐨𝐰𝐢𝐧𝐠 𝐭𝐡𝐞 𝐩𝐮𝐛𝐥𝐢𝐜𝐚𝐭𝐢𝐨𝐧𝐬 𝐛𝐲 𝐍𝐎𝐒 𝐒𝐩𝐨𝐫𝐭 𝐚𝐧𝐝 𝐈𝐧 𝐝𝐞 𝐖𝐚𝐚𝐢𝐞𝐫 Read our full statement on the team website. 🇳🇱🔗https://t.co/FlBu5JGadq 🇬🇧🔗https://t.co/viC17P0b4Y https://t.co/cPS8erXakm
— Team Picnic PostNL (@picnicpostnl) October 15, 2026
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