Paul Seixas ist 19 Jahre jung und darf eigentlich trotzdem nicht mehr als Talent bezeichnet werden. Der Franzose ist schon zu gut dafür. Er gehört schon jetzt zu den besten Kletterern der Welt – und damit lastet ein gehöriger Druck auf ihm.
Paul Seixas schreibt seine eigene Geschichte
Um den Druck auf Paul Seixas zu verstehen, muss man in den Geschichtsbüchern der Tour de France weit in die Vergangenheit zurückblättern. Das Drama begann schon 1989 mit Laurent Fignon, der völlig überraschend im Zeitfahren von Paris das Gelbe Trikot noch abgeben musste. Es folgte die Ära von Richard Virenque. Ihr geliebter und zugleich verhasster Richard Löwenherz war zuerst Dopingsünder, dann Nationalheld. Aber die Tour gewann er nie. Später ruhten die Hoffnungen auf Christophe Moreau oder Thomas Voeckler, die nie das Talent hatten, tatsächlich eine Grand Tour zu gewinnen. Gleiches gilt wohl für Thibaut Pinot, Romain Bardet, Julian Alaphilippe und David Gaudu – viele gute Kletterer, die Rennen und sogar Bergetappen gewinnen konnten, aber dennoch keine Kandidaten für den Toursieg waren. Es ist eine endlose Geschichte, die Frankreich Jahr für Jahr wehtut. Umso hellhöriger werden sie, wenn sie wieder von einem neuen französischen Talent hören, der das Format eines GC-Fahrers haben könnte. Paul Seixas ist wieder so einer – oder ist er besser als alles, was der französische Radsport in den letzten 40 Jahren hervorgebracht hat? Sein Kapitel ist im Geschichtsbuch der Tour de France noch nicht geschrieben. Es hat noch nicht einmal begonnen.
„Ich glaube, er ist der Auserwählte. Er wird der Fahrer sein, auf den Frankreich gewartet hat, um die Tour zu gewinnen“
Marc Madiot
Geboren in eine Radsportwelt voller Skandale
Paul Seixas wurde am 24. September 2006 in Lyon geboren, mitten in eine Radsport-Welt hinein, in der ein Skandal den nächsten jagte. Sein Geburtsjahr war das Jahr, in dem der Fuentes-Skandal aufgedeckt wurde, in dem Floyd Landis nur für wenige Tage Toursieger war. Ein Jahr später wurde der Gesamtführende Michael Rasmussen vom eigenen Team aus dem Rennen genommen. Wieder ein Jahr später zog sich das komplette Team Saunier Duval mit Riccardo Ricco und Leonardo Piepoli von der Tour de France zurück. Es war eine wilde Zeit und Eltern wollten wohl auch damals in Frankreich nicht, dass ihr Sohn Radprofi wird. Doch die Szene erholte sich. 2014 – Paul Seixas wurde acht Jahre alt – standen plötzlich zwei Franzosen in Paris auf dem Podium: Jean-Christophe Peraud und Thibaut Pinot gaben einer Nation neue Hoffnung. Vielleicht war das der Moment, in dem die Franzosen wieder an den Radsport und an sich selbst glaubten. Paul Seixas jedenfalls stieg aufs Rad, fuhr Cyclocross-Rennen und Straßenrennen. Und er war erfolgreich dabei, von Anfang an.
„Seit wir physiologische Daten messen, sahen wir noch nie ein solches Potenzial.“
Thomas Voeckler
Paul Seixas wurde bereits mit 18 Jahren zum Profi
Von 2020 bis 2022 fuhr Paul Seixas für den Radsportclub VC Villefranche Beaujolais, ehe er zur Saison 2023 zum AG2R Citroën U19 Team wechselte. Dort erhielt er professionelles Material, ein zugeschnittenes Training und vor allem Selbstvertrauen. Beim Eroica Juniores Nations‘ Cup traf er auf einige Fahrer, die ihm auch in den kommenden Jahren noch begegnen werden: Jorgen Nordhagen, Jakob Omrzel, Adria Pericas, Hector Alvarez. Er durfte sich mit starken Fahrern messen – ein großer Vorteil, wenn man in einer großen Radsportnation aufwächst. Paul Seixas gewann erste nationale Rennen, war aber auch in Italien, Deutschland und den Niederlanden unterwegs. Meist war er der Jüngste, oft gewann er das Nachwuchstrikot. Schon damals war vielen in der Szene bewusst: Dieser Junge hat Talent. Doch Talent hatten viele, nur wenige haben sich dann so entwickelt, wie erhofft. Bei Paul Seixas war es anders. 2024 fuhr er weiterhin für das U19 Team, welches nun unter dem Namen Decathlon AG2R La Mondiale U19 Team an den Start ging. Ihm gelang in der Junioren-Szene der internationale Durchbruch. Unter anderem gewann er die Junioren-Ausgabe von Lüttich-Bastogne-Lüttich und wurde Junioren-Weltmeister im Zeitfahren. Im Alter von 18 Jahren wechselte er daher bereits zur Saison 2025 in die Profimannschaft Decathlon AG2R La Mondiale.

Seinen ersten Profisieg hat er verschenkt – und das mit Absicht
Bei den Profis angekommen, stand er bereits in seiner ersten Saison unter besonderer Beobachtung. Längst haben ihn die Journalisten als großes Talent erkannt und stellen ihn auf eine Stufe mit einem Isaac del Toro, der im UAE Team Emirates direkt im ersten Jahr funktioniert hat. Gleiches erwarteten die hungrigen französischen Fans nun auch von Paul Seixas – eben genau das ist es, was diesen unmenschlichen Druck schon auf 18-Jährige ausmacht. Doch er hielt ihm stand. Bei Paris-Camembert, einem traditionsreichen und prestigeträchtigen Eintagesrennen, fuhr er direkt zu Beginn des Jahres auf Rang zwei. Im April durfte er sich bei der Tour of the Alps erstmals im Gebirge mit der WorldTour-Konkurrenz messen. Jeder der ihn bis dato noch nicht kannte, lernte ihn kennen. Denn Paul Seixas fuhr bei allen fünf Etappen unter die ersten 15 und gewann die Punktewertung. Fast hätte er sogar eine Etappe gewonnen, aber als er gemeinsam mit Teamkollege Nicolas Prodhomme Richtung Ziellinie fuhr, schenkte er ihm den Sieg. Ganz nach dem Motto „Ich gewinne in meiner Karriere sowieso noch viele Rennen“ gab er sich mit dem zweiten Platz zufrieden und freute sich mit seinem Kameraden. Als Achter beim Critérium du Dauphiné und Sieger der Tour de l’Avenir fuhr er im Alter von 19 Jahren zur Weltmeisterschaft nach Ruanda. Er hätte noch in der Klasse U23 starten können und wäre dort fast der Jüngste gewesen, doch er entschied sich für die Elite. Im Zeitfahren fuhr er auf Platz 16 und im Straßenrennen auf die 13. Es war ein beeindruckendes Jahr, auch weil er es mit Platz sieben bei der Lombardei-Rundfahrt abgeschlossen hat.
Paul Seixas hat keine Angst vor Tadej Pogacar
Nach einem starken Profi-Einstand im Jahr 2025 war der nächste logische Schritt, dass er 2026 bereits gegen die Besten der Besten um Siege fahren wird. Und genau so ist es auch gekommen. Berichte, die davon reden, dass er einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat und er aus dem Nichts plötzlich (fast) mit Tadej Pogacar mitfahren kann, sind schlichtweg nicht ernstzunehmen. Es ist eine logische Entwicklung. Paul Seixas ist immer noch erst 19 Jahre alt, er genießt professionelles Training und hat riesiges Potential. Dies bescheinigt ihm auch der französische Nationaltrainer Thomas Voeckler, indem er sagt: „Seit wir physiologische Daten messen, sahen wir noch nie ein solches Potenzial. Er ist 18 Jahre alt und schon der Spitzenreiter. Ich glaube, dass er seinem Status gerecht werden kann. Solch ein Phänomen gab es in Frankreich lange nicht.“ Paul Seixas ließ all den Erwartungen Taten folgen. Er wurde Zweiter in der Gesamtwertung der Volta ao Algarve, gewann die Faun-Ardèche Classic und wurde nur von Tadej Pogacar bei Strade Bianche geschlagen. Beeindruckt hat vor allem sein Wille, mit dem Weltmeister mitzufahren. Er hat keine Angst gezeigt, sondern den Mut, sich wieder an dessen Hinterrad zu kämpfen. Es hat nicht ganz gereicht, aber viel hat nicht gefehlt.
Wird er schon die Tour de France 2026 in Angriff nehmen?
Nach seinem beeindruckenden Start in die Saison 2026 kamen sofort erste Wechselgerüchte auf. Das UAE Team Emirates – XRG sei daran interessiert, ihn schon nach diesem Jahr zu verpflichten. Für den Radsport wäre das sicher keine gute Sache, denn dort stehen mit Tadej Pogacar und Isaac del Toro sowie Joao Almeida bereits drei Top-GC-Fahrer im Kader. Die Franzosen wünschen sich natürlich einen Verbleib. Klar ist jedoch, dass alle ihn haben wollen. Um ihn zu halten, muss sich die Leitung seines Teams aber wohl dazu durchringen, ihn schon zur Tour de France 2026 an den Start zu stellen. Bislang weigern sie sich noch, die Teilnahme von Paul Seixas zu bestätigen. Es wird vermutet, dass sie ihm den Druck ersparen möchten, der automatisch entstehen würde. Allerdings wäre der Druck ein Jahr später wohl kaum geringer. Paul Seixas scheint mental stark zu sein. Sollte er den Start bei der Tour 26 wollen, wird er ihn auch bekommen. Und dann beginnt tatsächlich ein Kapitel in den Geschichtsbüchern der Tour de France …


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