Enric Mas war im Sprint gegen Jhonatan Narvaez chancenlos. Das mussten er und seine Sportlichen Leiter aber wissen. Warum ist der Spanier dann doch ständig mit durch die Führung gegangen? Und wie hätte er realistische Chancen auf den Etappensieg gehabt?
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Enric Mas & Movistar haben sich Narvaez kampflos ergeben
Keine Frage: Enric Mas [Movistar] ist heute ein starkes Rennen gefahren. Der Spanier hat im Hochgebirge und im gestrigen Einzelzeitfahren schon so viel Zeit verloren, dass er die Gesamtwertung beim Giro d’Italia abschreiben kann und nun auf Etappenjagd gehen darf. Das hat er heute versucht – Respekt dafür. Allerdings hat er sich heute im Finale kampflos ergeben und seine Chance auf den Tagessieg nicht wahrgenommen. Ob er selbst diese falschen Entscheidungen getroffen hat oder ob seine Sportlichen Leiter vom Team Movistar dafür verantwortlich sind, wissen wir natürlich nicht. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass die spanische Mannschaft taktische Fehlentscheidungen trifft und sich damit den eigenen Erfolg verbaut. Ich gehe alle Optionen/Schritte durch, die er innerhalb der letzten Kilometer hatte und spekuliere, was daraus hätte werden können.

Schritt 1: Mas greift schon am Colla dei Scioli an
27 Kilometer vor dem Ziel überquerten die Profis mit dem Colla dei Scioli (5,7 km à 6,3 %) den letzten kategorisierten Anstieg. Diego Ulissi, Jhonatan Narvaez, Chris Harper, Aleksandr Vlasov, Ludovico Crescioli und Enric Mas stürzten sich gemeinsam in die Abfahrt. Schon hier hätte Enric Mas eine andere Entscheidung treffen können. Hätte er sich in diesem Anstieg absetzen können, wäre er als Solist gegen fünf Verfolger gefahren. Alleine gegen Fünf klingt nicht gut, aber die Erfahrung (z. B. Ben Healy) zeigt, dass Mehrzahl im Radsport oft zur Niederlage führt, wie bereits in DIESEM ARTIKEL beschrieben. Natürlich ist wahrscheinlich, dass sich Mas in diesem Anstieg nicht absetzen kann, aber er muss es wenigstens versuchen.
Schritt 2: Mas verweigert die Führung und hängt Narvaez ab
Scheitert Plan #1, wagen wir den zweiten Schritt: Als Enric Mas hinauf zum Red Bull KM mit Jhonatan Narvaez alleine unterwegs war, schien klar zu sein, dass die beiden den Tagessieg unter sich ausmachen werden. Dem Team Movistar musste aber auch klar sein, dass Mas gegen Narvaez im Sprint keine Chance hat. Auch in der Ebene und in der Abfahrt wird er ihn nicht abhängen können. Trotzdem muss Mas es wenigstens im Anstieg versuchen. Rund zwei Kilometer vor dem Red Bull KM muss er All-In gehen und alles in seine Attacke legen. Stattdessen hat sich Enric Mas dazu entschieden, den Berg von vorn mit gleichmäßigem Tempo hochzufahren. Jhonatan Narvaez musste nur am Hinterrad kleben – für ihn kein Problem. Gelingt es Mas nicht, Naravez am Berg abzuhängen, muss er es anschließend mindestens einmal in der Ebene versuchen. Die Chance auf Erfolg ist dort geringer, aber sie ist größer als wenn er es auf den Sprint ankommen lässt.

Schritt 3: Mas verweigert die Führung und lässt die Verfolger aufschließen
Spätestens wenn Plan #2 nicht funktioniert, muss Mas im dritten Schritt die Führung verweigern – und zwar sofort und konsequent in dem Moment, in dem er mit Narvaez alleine ist. Er hätte den Ecuadorianischen Meister die letzten 15 Kilometer komplett alleine von vorne fahren lassen müssen. Dann hätte es auf Grund dieser Uneinigkeit Streit gegeben. Narvaez hätte entweder attackiert, wäre brav im Wind Tempo gefahren oder die beiden wären eingeholt worden. Und genau das hätte – kurioserweise – das Ziel von Enric Mas sein müssen. So doof es auch auf den ersten Blick klingt, aber es wäre für Mas besser gewesen, wenn die Verfolger herangekommen wären. Selbst wenn nicht, dann hätte Narvaez alles von vorn fahren müssen, um die Verfolger auf Distanz zu halten. Auch auf dem letzten Kilometer hätte Mas nur an dessen Hinterrad kleben brauchen. Im Sprint hätte er dann bessere Chancen gehabt.
Schritt 4: Mas attackiert und hofft auf Uneinigkeit bei den Verfolgern
Wird das Duo Mas/Narvaez tatsächlich in der Abfahrt oder dem Flachstück danach eingeholt, kann Enric Mas die finale Attacke planen. Das Tempo wäre in dieser zusammengeschlossenen Gruppe nicht mehr hoch gewesen, weil von hinten keine Gefahr drohte. Mit einer saftigen Attacke hätte man sich clever aus der Gruppe entfernen können. Auch wenn nur zehn oder zwanzig Meter Abstand entstanden wären, hätte das reichen können. Denn die logische Konsequenz wäre Uneinigkeit bei den Verfolgern. Alle hätten Narvaez angeschaut, vielleicht hätte er die Verantwortung auf Ulissi geschoben oder gesagt „Ich hab schon zwei Siege, fahrt ihr doch“ oder „Ihr habt mich gerade eingeholt, ich fahr doch jetzt nicht für euch hinterher“. So oder so hätte Enric Mas mit einem Angriff aus dieser Gruppe heraus beste Karten gehabt, diese Etappe für sich zu entscheiden.
Fazit: Enric Mas hatte eine Chance
Im Radsport gewinnt nicht immer der beste Fahrer. Stellen sich die Konkurrenten taktisch clever an, können sie den Favoriten bezwingen. Heute war so ein Tag, an dem das möglich gewesen wäre – auch für Enric Mas. Zugegebenermaßen ist Jhonatan Narvaez aktuell bärenstark und vermutlich hätte niemand ihn heute abstellen können. Aber sich derart zu ergeben, wie das Team Movistar es heute getan hat, kann auch keine Option sein. Enric Mas hätte mehrmals eine andere taktische Entscheidung treffen müssen. Dann wäre seine Siegchance bei vielleicht 15 oder 20 Prozent gewesen. So wie er heute gefahren ist, war sie schlussendlich bei 0 Prozent.


