Tadej Pogacar hat seinen Sieg bei Mailand-Sanremo als einen der größten in seiner Karriere bezeichnet. Auch für den Radsport war sein Erfolg wichtig. Denn dieses traditionell erste Monument einer Saison wird sich dadurch wieder verändern.
Pogacar hat Mailand-Sanremo verändert – und tut es jetzt wieder
Gestern fand Mailand-Sanremo zum 117. Mal statt. Als im Jahr 1907 erstmals ein Sieger dieses Rennens ermittelt wurde, wusste die Welt noch nichts von zwei Weltkriegen. Das erste Waschmittel kam auf den Markt, die Pfadfinderbewegung begann und man hat Ohropax erfunden. Diese hätte man beim Zieleinlauf gebrauchen können, als Tadej Pogacar seinen Freudenschrei ausstieß. Dem sonst so coolen Slowenen, der Rennen scheinbar mühelos gewinnt, bedeutete dieser Triumph die Welt. Das ist sinnbildlich für ihn, seine Karriere und dieses so prestigeträchtige Monument. Tadej Pogacar hat Mailand-Sanremo verändert. Nicht die Radsportwelt insgesamt hat das getan, sondern er ganz allein. Über Jahrzehnte hinweg war es undenkbar, dass jemand an der Cipressa mit Ansage eine Vorentscheidung erzwingt. Aber er hat es getan – und er hat Mailand-Sanremo damit nicht nur gewonnen, sondern verändert. Genauso wird sein Triumph nun erneut für eine Veränderung sorgen.
„Wenn ich nach San Remo zurückkomme, dann nur, um Focaccia zu essen.“
Tadej pogacar
Die Sprinter wittern ihr Chance
Noch am Tag seines Triumphes ließ Tadej Pogacar verlauten: „Wenn ich nach San Remo zurückkomme, dann nur, um Focaccia zu essen.“ Auch der knapp geschlagene Thomas Pidcock verriet, dass ihm Pogacar eben zuflüsterte, dass er dieses Rennen nie wieder fahren möchte. Der Brite scherzte mit der Frage, an welches Motorrad er sich denn dann im kommenden Jahr hängen soll. Hinter dieser Aussage steckt mehr Wahrheit als man im ersten Augenblick erahnen konnte. Denn alle wissen: An der Cipressa kannst du Mailand-Sanremo nicht vorentscheiden, zumindest nicht, wenn du nicht Pogacar bist. Diese Erkenntnis wird einige Sprinter auf den Plan rufen. Schon gestern waren einige von ihnen nicht weit weg. Tobias Lund Andresen, Bryan Coquard und Mads Pedersen erreichten das Ziel in der Gruppe dahinter, mit nur vier Sekunden Abstand. Sicher sorgte der Sturz von Pogacar für eine Verzögerung seiner Attacke, aber viel größer wäre der Vorsprung auch ohne Sturz nicht ausgefallen. Haben also die Sprinter ohne Pogacar wieder eine Chance auf den Sieg bei Mailand-Sanremo?
Auch die Puncheure werden sich anpassen
Ob in den kommenden Jahren wieder ein Sprinter bei Mailand-Sanremo gewinnen kann, hängt von einigen Faktoren ab. Der wichtigste davon ist der Glaube an sich selbst. Viele Sprinter sind hier gar nicht mehr an den Start gegangen, weil sie wussten, dass Tadje Pogacar das Rennen schon an der Cipressa zur Explosion bringen wird. Sie sahen keine Möglichkeit, danach noch einmal zurückzukommen. Es ist künftig nicht davon auszugehen, dass Mathieu van der Poel, Filippo Ganna und Thomas Pidcock an der Cipressa attackieren. Sie werden es ohne Pogacar nicht bis zum Poggio schaffen. Sie wissen das und werden mit ihrem Angriff bis zum letzten Hügel warten und sich dann mit nur wenigen Sekunden Vorsprung in die Abfahrt stürzen. Andere Puncheure wiederum – die fürchten, die Attacke am Poggio nicht zu überleben – werden einen frühen Angriff an der Cipressa in Erwägung ziehen. Warum? Weil ihnen gar nichts anderes übrig bleiben wird. Den Sprint verlieren sie gegen die Sprinter und am Poggio halten sie mit Van der Poel und Pidcock nicht mit.
Mailand-Sanremo Taktik: Jetzt sind die Teamchefs gefragt
Ohne Tadej Pogacar, aber mit den Erkenntnissen, die er uns bei seiner Teilnahme in den vergangenen Jahren beschert hat, werden wir bei Mailand-Sanremo einen ganz neuen Rennverlauf sehen. Jetzt sind vor allem die Teamchefs gefragt. Wer einen Sprinter im Team hat, der muss die Mannschaft um den Kapitän herum so aufbauen, dass sie ihn in die Cipressa vorn rein fahren kann. Danach muss sie für ihn die Lücke schließen, die zu den Attackierenden aufgegangen ist. Im Poggio entscheiden dann die Beine, aber auch nach der Abfahrt ist ein Helfer an der Seite des Sprinters elementar wichtig. Vor allem den Teams Lidl – Trek und Visma | Lease a Bike wäre ein Sieg in dieser Manier zuzutrauen. Sie haben das Personal dafür. Mads Pedersen und Matthew Brennan werden in den kommenden Jahren zu den Favoriten zählen. Völlig neu überdenken müssen Fahrertypen wie Paul Lapeira, Romain Gregoire und Mauro Schmid das Rennen. Wie können sie in Zukunft hier erfolgreich sein? Es ist wie 1907, wie beim Waschmittel, der Pfadfinderbewegung und den Ohropax – irgendjemand muss erfinderisch sein.


